Claude Monet: Das Flimmern des Lichts. Warum der Meister des Impressionismus auch Tourismusentwickler, Influencer und Trendsetter war.

Wer kennt ihn nicht, den großen französischen Maler Claude Monet? Und sofort denkt man an den Impressionismus. Doch was war das gleich noch einmal?

Im Musée des Beaux-Arts in Rouen wird der Impressionismus kurz und treffend beschrieben:

„Die Künstler, die man heute als ‚Impressionisten‘ bezeichnet, widmen sich der Beobachtung flüchtiger Lichtwirkungen und vorübergehender Eindrücke, der Bewegung des Wassers und der Atmosphäre ebenso wie den Rauchschwaden der Fabriken, dem Treiben in den Häfen und der künstlichen Beleuchtung. Sie stellen die Freizeitaktivitäten der Stadtbewohner dar und darüber hinaus ihre Zeitgenossen sowie all das, was man gewöhnlich als das moderne Leben bezeichnet.

Kühne Perspektiven und Bildausschnitte sowie ein lebendiger, deutlich sichtbarer Pinselstrich sind, kurz gesagt, die Merkmale, die ihre Gemälde kennzeichnen.“

(Eigene Übersetzung)

Ergänzen könnte man, dass die Künstler nun häufig unter freiem Himmel malten. Die Farben – insbesondere in den Landschaftsdarstellungen – waren klar und leuchtend. Sie wurden auf der Leinwand nebeneinander gesetzt, statt zuvor auf der Palette gemischt zu werden. Dadurch entstand beim Betrachter eine unmittelbare, flüchtige Impression.

Im Mittelpunkt standen die Empfindungen des Künstlers ebenso wie jene des Betrachters. Der reglementierten Ateliermalerei wurde die Natur in all ihren Erscheinungsformen und Stimmungen gegenübergestellt.

Auf der ersten Impressionisten-Ausstellung im Jahr 1874, die wie alle folgenden Ausstellungen außerhalb der offiziellen Pariser Salons stattfand, wurde Monets Gemälde Impression, soleil levant (Impression – aufgehende Sonne, 1872) gezeigt. Dieses Bild veranlasste einen Journalisten dazu, die Künstler der Ausstellung spöttisch als „Impressionisten“ zu bezeichnen – ein Name, der schließlich einer ganzen Kunstrichtung ihren Titel gab.

Doch wie wäre es, Monet einmal nicht primär mit dem Impressionismus zu verbinden, sondern aus drei anderen Perspektiven zu betrachten: als Tourismusentwickler, als Influencer und als Trendsetter? Eine Reise in diesem Sommer nach Nordfrankreich führte zu der „flüchtigen“ Idee, die dabei gewonnenen Impressionen festzuhalten.

Der Künstler als Tourismusentwickler

Dass Künstler touristische Anziehungspunkte schaffen können, erscheint heute selbstverständlich. Man denke nur an die vielen Museen, zu denen Kunstliebhaber aus aller Welt pilgern. Im Fall Monets fällt einem sofort das Musée d’Orsay in Paris ein.

Doch nicht nur die Gemälde selbst üben eine Anziehungskraft aus. Auch Wohnhäuser, Ateliers und Gärten werden zu kulturellen Magneten. Ein besonders schönes Beispiel ist Giverny. Der kleine Ort in der Normandie verdankt seinen weltweiten Bekanntheitsgrad vor allem dem Wohnhaus und den Gärten Claude Monets.

Die berühmten Gärten von Giverny wirken wie eine lebendig gewordene Farbpalette. Viele Blumenbeete sind nach Farbharmonien gestaltet und spiegeln die Vorlieben des Malers wider. Neben dem Blumengarten entstand der Wassergarten mit seiner japanischen Brücke und den Seerosenbecken – Motive, die in zahlreichen Werken Monets verewigt wurden. Hier entstand auch seine berühmte Seerosen-Serie (‚Nymphéas‘). Neben den Gemälden selbst dürfen die Gärten als eines seiner großen Gesamtkunstwerke gelten.

Zur touristischen Wirkung tragen außerdem die Motive seiner Bilder bei. Ein herausragendes Beispiel ist die gotische Kathedrale von Rouen, die Monet insgesamt 28-mal unter unterschiedlichen Licht- und Wetterbedingungen malte. Eines dieser Werke, Portail de la Cathédrale de Rouen, temps gris (1892), befindet sich heute im Musée des Beaux-Arts in Rouen. Andere Fassungen haben sich auf Museen in der ganzen Welt verteilt, wie La Cathédrale de Rouen, le Portail, effet du matin (1894), das in der Fondation Beyeler in Basel hängt.

Viele dieser Kathedralenbilder entstanden während seiner Zeit in Giverny.

Claude Moneet, Portail de la Cathédrale de Rouen, temps gris (1892)

So prägen Künstler nicht nur die Kunstgeschichte. Sie beeinflussen auch die kulturelle Identität von Orten und tragen zur touristischen Attraktivität ganzer Regionen bei – gestern, heute und morgen.

Der Künstler als Influencer

Jeder Mensch wird von seiner Umwelt beeinflusst. Künstler bilden hier keine Ausnahme.

Im Wohnhaus von Giverny begegnet man zahlreichen japanischen Farbholzschnitten. Heute sind dort überwiegend Reproduktionen zu sehen, doch die Originale wurden einst von Monet gesammelt. Wie viele Künstler seiner Zeit war er fasziniert von der japanischen Kunst des Ukiyo-e, den Darstellungen der ‚fließenden‘ oder ‚vergänglichen Welt‘.

Diese Japan-Begeisterung spiegelt sich nicht nur in seinen Bildern wider, sondern auch in der Gestaltung seines Gartens. Die berühmte japanische Brücke im Wassergarten ist ein sichtbares Zeugnis dieser Inspiration.

Monet teilte seine Leidenschaft für japanische Drucke mit vielen Künstlerkollegen, darunter Vincent van Gogh.

Doch Einfluss wirkt in beide Richtungen. Monet inspirierte wiederum zahlreiche Künstler nachfolgender Generationen.

Ein eindrucksvolles Beispiel begegnete mir auf dem majestätischen Mont-Saint-Michel in der Normandie. Dort war die Ausstellung ‚Radiance of Spring‘ des chinesischen Künstlers Cai Guo-Qiang zu sehen. Wie man erfährt, besuchte auch er die Gärten von Giverny. Ihr Einfluss ist in seinen Werken spürbar – obwohl er längst andere Ausdrucksformen nutzt als die klassische Ölmalerei. Er arbeitet mit Feuer.

Cai Guo-Qiang, Bassin aux nymphéas, 2026

Der malerische Mont St. Michel ...

und die künstlerische Impression durch Cai Guo-Qiang

Cai Guo-Qiang arbeitet mit höchst individuellen Verfahren, etwa seinen berühmten Explosion Events oder Maltechniken, bei denen Leinwände kontrolliert verbrannt werden. Damit bestätigt sich eine Beobachtung, die für die zeitgenössische Kunst charakteristisch ist: Heute wird Kunst häufig weniger durch einen gemeinsamen Stil definiert als durch die unverwechselbare Handschrift und Technik einzelner Künstler. Hierzu habe ich auf Facebook Artesoires.com berichtet.

 

Der Künstler als Trendsetter

Im Musée des Beaux-Arts in Rouen begegnete mir Monets Gemälde Vue Générale de Rouen (1892), das einst in seinem Haus in Giverny hing.

Besonders faszinierend ist die Art der Darstellung. Das Bild bewegt sich an der Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Die Abstraktion scheint bereits angelegt, lange bevor sie als eigenständige Kunstrichtung formuliert wurde.

Auch andere Werke Monets, etwa einige Fassungen des Motivs Le Pont Japonais, wirken heute erstaunlich modern. In ihnen tritt die konkrete Darstellung zunehmend hinter Farbe, Licht und Stimmung zurück (siehe Musée Marmottan Monet, Paris).

Und hatten wir nicht eingangs von Empfindungen gesprochen? Genau hier liegt eine Verbindung zur späteren abstrakten Kunst. Künstler wie Wassily Kandinsky sahen in Farbe und Form Möglichkeiten, innere Empfindungen auszudrücken. Monet und seine Zeitgenossen bereiteten diesen Weg vor, indem sie die Freiheit der malerischen Darstellung entscheidend erweiterten.

Durch die wiederholte Darstellung desselben Motivs unter unterschiedlichen Lichtverhältnissen machte Monet deutlich, dass es keine absolute Farbe gibt. Das Erscheinungsbild eines Gegenstands verändert sich ständig – abhängig von Licht, Atmosphäre und Blickwinkel.

Claude Monet, Vue Générale de Rouen (1892)

Ein Blick zu Erwin Plönes

Zum Schluss möchte ich noch auf Erwin Plönes hinweisen, dessen Zeichnungen die Grundlage für die meisten Accessoires auf Artesoires.com bilden.

Viele seiner Landschaftsbilder tragen impressionistische Züge: helle Farben, Lichtreflexe und ein deutlich sichtbarer Pinselstrich. Auch hier steht häufig die Stimmung eines Augenblicks im Mittelpunkt.

Erwin Plönes

 

In Rouen genieße ich schließlich noch einen ‚Thé des Impressionnistes‘. Dabei fällt mir ein neues Haikute ein. Falls Sie nicht wissen, was ein Haikute ist, finden Sie weiter unten eine kurze Erklärung.

Le soleil au thé vert
la verdure au plein air
c’est le cadre pour boire le bonheur.

(Haikute)

Ein Haiku ist ein japanischer Dreizeiler mit insgesamt 17 Silben. Es gilt als die kürzeste Lyrikform der Weltliteratur. Ziel ist es, einem flüchtigen Moment mit wenigen Worten Gestalt zu verleihen.

Aus meiner Sicht ergibt sich daraus ein wunderbarer Anknüpfungspunkt zum Impressionismus.

Ein Haikute hingegen ist ein Dreizeiler von Ute, der keine Silbenvorgaben kennt.

Beispiel eines Haiku:

Im See das Wasser
Hat langsam steigen lassen
Der Sommerregen

(Bashō, 1644–1694)

 

Einen schönen Sommer!

 

 

 

 

 

 

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