Gerhard Richter und 60 Jahre seines Schaffens in der Fondation Louis Vuitton, Paris, 17.10.2025 – 2.3.2026
Mit 275 Zeichnungen, Gemälden und Skulpturen ist dies die bislang umfassendste Ausstellung zu Gerhard Richter. Chronologisch aufgebaut, spannt sie einen beeindruckenden Bogen von seinem frühen Werk „Tisch“ (1962) bis zu Arbeiten aus dem Jahr 2024.
Die gezeigte Bandbreite verdeutlicht die Vielfalt seines künstlerischen Schaffens: Zeichnungen, großformatige abstrakte Gemälde mit Rakeltechnik, Foto-basierte Malerei, übermalte Fotografien, Glasarbeiten und Skulpturen.
Foto-Gemälde – Zwischen Fotografie und Malerei
Besonders prägend sind Richters sogenannte Foto-Gemälde, die vor allem in den 1960er-, 70er- und 80er-Jahren entstanden.
Sein erklärtes Ziel war es, keiner Intention, keinem Stilideal und keiner Originalitätsforderung zu folgen. Paradoxerweise führte gerade diese Haltung zu einer radikalen Erneuerung der Malerei.
Arbeitsprozess
Der in der Ausstellung gezeigte Film „In der Werkstatt“ dokumentiert seine Vorgehensweise:
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Projektion eines Fotos (aus Zeitungen, privaten Alben oder eigenen Aufnahmen) vergrößert auf die Leinwand
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Nachzeichnen der Konturen mit Holzkohle (erinnert mich persönlich an die Techniken der Renaissance mit perforiertem Karton oder die Camera obscura als Vorläufer der Fotografie)
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Malerische Ausarbeitung in Öl
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Bewusstes Verwischen der Konturen mit trockenem Pinsel oder Tuch
Die erzeugte Unschärfe wird zum zentralen Stilmittel – als Distanzierung, als Infragestellung von Wirklichkeit und Wahrheit.
Diese Technik erinnert in ihrer Wirkung teilweise an die atmosphärische Unschärfe bei Leonardo da Vinci oder J. M. W. Turner – wenngleich mit völlig anderer Intention.
Einige Werke sind hingegen nahezu fotorealistisch, etwa „Apfelbäume“ (1987) oder „Kerze“ (1982).
Übermalte Fotos – Spannung zwischen Dokument und Emotion
In den 1980er-Jahren entwickelte Richter eine weitere Fototechnik: übermalte Fotografien.
Dabei klebte er kleinformatige Fotos auf Leinwand und überarbeitete sie malerisch. Im Gegensatz zu seinen Foto-Gemälden malt er hier das Motiv nicht nach, sondern übermalt es bis zu Unkenntlichkeit. Manchmal enthüllt der Titel um welches Motiv es sich handelt wie bei „Grauwald“. Das Ergebnis ist eine spannungsreiche Verbindung von dokumentarischer Fotografie und emotionaler, subjektiver Malerei.
Kennzeichen: Farbe, Technik, Zufall
Drei zentrale Elemente prägen Richters Werk:
- Farbe (z. B. „4900 Farben“, 2007)
- Technik (Fotomalerei, Übermalung von Fotos, Rakeltechnik, Glasinstallationen/Spiegel/Kirchenfenster)
- Zufall: Gerade seine großformatigen abstrakten Werke entstehen durch das Abziehen mehrerer Farbschichten mit der Rakel: Farbe und Technik bestimmen das Ergebnis. Kontrolle und Zufall stehen in einem produktiven Spannungsverhältnis. Die Ergebnisse wirken überraschend, dynamisch und visuell anziehend.
Motive und kunsthistorische Bezüge
Richter greift häufig Motive anderer Künstler auf und reflektiert Kunstgeschichte:
- „Küchenstuhl“ (1965)– in Anspielung auf Joseph Kosuth
- „Ema - Akt auf einer Treppe“ (1966) wie in Marcel Duchamps „Akt, eine Treppe herabsteigend“
- Farbfelder in der Tradition von Ellsworth Kelly (z. B. „Grau“ von 1972)
- „Lesende“ (1994) als Verweis auf Johannes Vermeer
- „Cage“ (2006) als Hommage an John Cage
Seine fotografischen Vorlagen – aus Zeitungen, dem privaten Umfeld oder eigenen Aufnahmen – sammelte Richter in seinem legendären „Atlas“.
Neben kunsthistorischen Referenzen wählte er oft scheinbar banale Alltagsmotive wie eine Klorolle oder klassische Themen wie Landschaft und Stillleben.
Zugleich setzte er sich mit historischen Traumata auseinander:
der NS-Vergangenheit seiner Familie, dem Konzentrationslager Birkenau, der RAF, sowie den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York.
Vergleich: Gerhard Richter und Erwin Plönes
Ein interessanter Vergleich ergibt sich mit dem Künstler Erwin Plönes: siehe
Auch dessen Nachlass umfasst Werke aus sechs Jahrzehnten – beginnend ebenfalls 1962. Beide Künstler arbeiteten unabhängig von Gruppen oder Strömungen und zeichneten sich durch technische Vielfalt aus.
Gemeinsamkeiten:
- Breites technisches Spektrum aus sechs Jahrzehnten; ältestes malerische Werk jeweils aus 1962
- Zeichnungen mit Tusche oder Bleistift
- Arbeiten für Kirchenfenster
- Zentrale Bedeutung von Farbkomposition
Unterschiede:
- Plönes arbeitete nicht mit Fototechnik
- Seine Innovation lag in Holzmosaiken und anderen Techniken
- Zurückhaltendere Farbpalette statt leuchtender Kontraste
- Keine sehr großen Werke
- Kein Rückgriff auf kunsthistorische Zitate oder historische Ereignisse
- Kein Arbeiten mit Zufall: Während Richter Zufall als schöpferisches Prinzip einsetzt, entstehen die abstrakten Werke von Plönes aus sorgfältig durchdachten Kompositionen. Bei dessen Figuration stehen Atmosphäre, Stimmung und malerische Vorstellungskraft im Vordergrund – in Landschaften, Stillleben oder kosmischen Bildräumen. Hingegen ist bei Richter das Foto die Basis.
Beispiele aus der Ausstellung
Foto-Gemälde
Tisch (1962)
Küchenstuhl (1965)
Onkel Rudi (1965)
48 Porträts – Deutscher Pavillon, Biennale Venedig 1972
Eis (1981)
Kerze (1982)
Apfelbäume (1987)
Betty (1988)
Lesende (1994)
Übermalte Fotos
Kleinformatige Werke (Huile sur photographie)
Abstrakte Rakelbilder
Cage (2006)
Zeichnungen
7.1991 (Tusche)
Serie Colmar (1984)
4.10.1985 (Graphit auf Papier)
Nicht zuletzt wird auch an das abstrakte Fenster im Kölner Dom (2007) erinnert – ein eindrucksvolles Beispiel für Richters Auseinandersetzung mit Licht, Farbe und sakralem Raum.
Fazit
Diese Ausstellung zeigt eindrucksvoll, warum Gerhard Richter zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern zählt.
Sein Werk bewegt sich zwischen Fotografie und Malerei, zwischen Kontrolle und Zufall, zwischen persönlicher Erinnerung und kollektiver Geschichte. Gerade diese Vielschichtigkeit macht sein Œuvre zeitlos und hochaktuell zugleich.

"Spiegel", 1981.
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1 Kommentar
Interessanter Vergleich zwischen Richter und Plönes!