Was bedeutet es, Mensch zu sein? Antony Gormley und die Antwort der Bildhauer.

Was bedeutet es, Mensch zu sein? Diese Frage begleitet die Menschheit vermutlich seit ihren Anfängen. Sie ist Ausdruck einer Fähigkeit, die den Menschen auszeichnet: der Selbstreflexion. Schriftsteller, Philosophen und Theologen setzen sich seit Jahrhunderten mit ihr auseinander – ebenso wie Künstler, die ihre Antworten nicht in Worten, sondern in Bildern und Skulpturen formulieren.

Im Mittelpunkt der Werke des britischen Bildhauers Antony Gormley steht genau diese Frage. Eine Ausstellung im Königlichen Museum der Schönen Künste in Antwerpen hat mich dazu angeregt, über seine Arbeiten nachzudenken. Gormley lädt die Betrachter ausdrücklich dazu ein, ihre eigenen Deutungen zu entwickeln. Diesem Aufruf bin ich gefolgt. Die folgenden Gedanken sind daher keine kunsthistorische Interpretation, sondern meine persönliche Auseinandersetzung mit den ausgestellten Skulpturen.

Über das Ziel hinausschießen – zu viel wollen und dabei das Wesentliche aus den Augen verlieren.

Mit dem Rücken zur Wand stehen – Situationen erleben, in denen scheinbar kein Ausweg mehr bleibt.

Mit dem Kopf durch die Wand wollen – gegen jede Vernunft handeln und sich dennoch nicht aufhalten lassen.

Gefangen sein – doch wodurch oder durch wen? Oft sind es nicht Mauern, sondern Gedanken, Ängste oder Erwartungen.

Am Boden zerstört – Momente, in denen Kraft und Hoffnung verloren scheinen.

Kaltgestellt – ausgeschlossen, ausrangiert, isoliert oder emotional erstarrt.

Gormleys Skulpturen zeigen eindrucksvoll die verletzliche Seite des Menschseins. Sie erzählen von Schmerz, Scheitern, Einsamkeit, Hochmut und inneren Konflikten. Diese Erfahrungen gehören zweifellos zum Leben.

Doch Menschsein bedeutet ebenso Liebe, Hoffnung, Kreativität, Freude, Genuss und Glück. Diese Aspekte treten in Gormleys Werk für mein Empfinden deutlich in den Hintergrund.

Andere Bildhauer setzen andere Schwerpunkte. Auguste Rodin zeigt mit Werken wie „Der Denker“ den nachdenklichen Menschen und mit „Der Kuss“ die Kraft der Liebe. Constantin Brâncuși, der zeitweise in Rodins Atelier arbeitete, schuf mit seiner eigenen Interpretation des „Kusses“ eine ganz andere, reduzierte und zugleich intensive Darstellung menschlicher Verbundenheit. Bei Stephan Balkenhol begegnen uns Menschen, die stehen, gehen oder sogar tanzen – ganz selbstverständlich und mitten im Leben. Ein Künstler der Vergangenheit, Antonio Canova schließlich, verkörperte in seinen Marmorskulpturen Anmut, Schönheit und Erfolg.

Vielleicht liegt gerade darin die Stärke der Bildhauerei: Jeder Künstler beleuchtet einen anderen Aspekt des Menschseins. Erst die Vielfalt ihrer Werke vermittelt ein vollständigeres Bild dessen, was uns ausmacht.

Zum Schluss musste ich an ein schönes Kirchenlied aus einem flämischen Gesangbuch denken. In der dritten Strophe heißt es:

„Ein Mensch zu sein auf Erden in dieser Weltenzeit heißt den Tod annehmen, den Frieden und den Streit; die Tage und die Nächte, den Hunger und den Durst, die Fragen und die Ängste, den Kummer und das Leid.“

Menschsein umfasst immer beides: Licht und Schatten, Freude und Schmerz.

 

 

 

 

 

 

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